Leitlinie: Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten

Hände einer älteren Frau

„Wir haben in der interdisziplinär besetzten Arbeitsgruppe nach monatelanger Arbeit jetzt eine Leitlinie erarbeitet, die den behandelnden Ärzten ganz klare Handlungsempfehlungen mit auf den Weg gibt“, sagt Professor Andreas Wiedemann, Leiter der DGG-Arbeitsgruppe und Chefarzt der Urologischen Klinik am Evangelischen Krankenhaus Witten.

Blasenkatheter bislang zu schnell gelegt

Als Beispiel nennt er die Harnblasen-Langzeitdrainage: „Es ist erstmals fest definiert, dass ein Blasenkatheter zur Inkontinenzbehandlung erst dann erlaubt ist, wenn alle anderen Therapien nicht anwendbar oder gewünscht sind. Bislang wurden Katheter vorschnell gelegt“, sagt Wiedemann. Die Leitlinie hat den S2e-Status der zertifizierenden Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) erhalten. Damit ist offiziell bestätigt, dass eine systematische Evidenz-Recherche stattgefunden hat.

Ältere Patienten nicht nur übers Alter definierbar

Es ist die bislang einzige deutschsprachige Leitlinie zu diesem Themenkomplex. Diese schlägt eine Bresche durch den Studiendschungel. „Viele Studien-Autoren definieren ältere Patienten allein durch das Alter 65+. Das greift aber zu kurz“, erklärt Wiedemann. „Ein geriatrischer Patient ist gekennzeichnet durch Vulnerabilität, Multi-Morbidität – er hat also mehrere Krankheiten – und er ist deutlich älter, nämlich über 75 Jahre. Zudem gibt es deutliche Unterscheide zwischen Mann und Frau. Wir haben daher alle Studien-Ergebnisse genau geprüft, ob sie für geriatrische Patienten überhaupt relevant sind.“ So sind beispielsweise operative High-End-Methoden wie die sakrale Neuromodulation, sogenannte „Blasen-Schrittmacher“, für geriatrische Patienten nicht geeignet.

Methode Verhaltenstraining: frei von Nebenwirkungen

Besonders wichtig ist dagegen das Toilettentraining. Unter diesen Sammelbegriff fallen verschiedene Methoden. Dies kann der Gang zur Toilette zu festen Zeitpunkten sein. Aber auch die regelmäßige Frage, ob der Betroffene Harndrang verspürt, ist eine wichtige Interventionsmaßnahme. So wird die Aufmerksamkeit des Patienten auf die Blase gelenkt. Selbst gebrechliche ältere Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränkungen sprechen auf diese Form des Verhaltenstrainings gut an – und die Methoden sind naturgemäß frei von Nebenwirkungen. Allerdings ist hier die kontinuierliche Unterstützung der Pflegenden gefragt, zum Beispiel durch Angehörige, Partner oder Pflegepersonal.

Nebenwirkungen breit eingesetzter Medikamente

Ein weiterer Schwerpunkt der Leitlinie ist die Untersuchung von Nebenwirkungen breit eingesetzter Medikamente aus dem internistischen oder hausärztlichen Bereich. So können beispielsweise bestimmte Antidepressiva die Blase blockieren und sollten entsprechend nur nach sorgfältiger Abwägung angewendet werden. Aber auch klassische Medikamente gegen Inkontinenz dürfen bei geriatrischen Patienten nur mit Bedacht eingesetzt werden. So verändern manche dieser sogenannten Anticholinergika die Kognition und können zu einem erhöhten Sturzrisiko führen – ein fatales Risiko für hochbetagte Patienten.

Transparenz der Behandlungskosten

Eine Besonderheit der Leitlinie ist, dass sie die Kosten der unterschiedlichen Behandlungsmaßnahmen klar benennt. In einem zunehmend teurer werdenden Gesundheitssystem ist dies ein wichtiger Wegweiser für die Klinik oder den niedergelassenen Hausarzt beziehungsweise den Urologen. Dabei ist wichtig zu wissen: Die Kosten für die Erstellung der Leitlinie wurde von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe komplett selbst getragen – ein Sponsoring durch Medizin- oder Pharmaindustrie fand nicht statt.

Unterschiedliche Blickwinkel bei Erarbeitung der Leitlinie

An der Erarbeitung der Leitlinie waren sowohl Geriater als auch Urologen beteiligt – einige davon sind klinisch tätig, andere sind niedergelassen. „Durch die interdisziplinäre Arbeit wurde wirklich jeder Aspekt von unterschiedlichen Blickwinkeln aus beleuchtet“, betont Wiedemann. „Allen Arbeitsgruppen-Mitgliedern gemeinsam war: Wir sind praktisch tätig und haben täglich mit inkontinenten Patienten zu tun. Ich bin daher sicher, dass die Leitlinie eine wertvolle Arbeitshilfe für alle Kolleginnen und Kollegen sein wird, die geriatrische Patienten behandeln.“

Leitlinie zum Download

Weitere Informationen zur Leitlinie “Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten, Diagnostik und Therapie” sind hier zu finden.

Quelle: PI Deutsche Gesellschaft für Geriatrie e.V., 25.09.2019

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